Dichter Nebel hängt tief in den rauen Berggipfeln des Tessins. Direkt vor uns ruht der Lago Tremorgio, still und geheimnisvoll. Wer hier oben aus der Seilbahn steigt, ahnt noch nicht, dass ihn in den nächsten Stunden eine landschaftliche Achterbahnfahrt erwartet. Denn diese Wanderung führt uns durch eine Dünenlandschaft, die an die Nordsee erinnert, vorbei an schneeweißem Marmor-Fels und hinauf zu tiefblauen Bergseen, die wirken wie direkt aus einem norwegischen Fjord entsprungen.
Lohnt sich die Wanderung von der Capanna Tremorgio nach Dalpe?





Diese Tour oberhalb von Bellinzona führt vorbei an 3 Seen, 2 Hütten und über verschiedene Pässe. Landschaftlich könnte sie kaum schöner sein. Wild, kontrastreich und zum Teil sogar surreal präsentiert sich die Bergwelt der Tessiner Alpen. Vor allem im Herbst gibt die Farbenpracht an den Hängen ein einzigartiges Bild ab.
Aber auch wenn die ersten Meter mit der Seilbahn zurückgelegt werden, ist diese Tour kein gemütlicher Sonntagsspaziergang. Denn vom Lago Tremorgio über den Lago di Leit und den Lago di Morghirolo bis nach Dalpe gilt es rund 760 Höhenmeter und 1.400 Tiefenmeter zu überwinden. Wenn ihr die Wanderung auf zwei Tage aufteilen möchtet, habt ihr mit der Capanna Compa Tencia und der Capanna Leit am Wegesrand die perfekte Gelegenheit dazu, ganz viel Tessiner Gemütlichkeit aufzusaugen und den Zauber der Berge auch am Abend zu genießen.
Fototipp: Wenn ihr den steilen Anstieg hinter dem Lago di Leit meistert, dreht euch unbedingt um! Von oben wirkt der tiefblaue See inmitten der steilen Felswände wie ein norwegischer Fjord. Das wohl spektakulärste Fotomotiv der Tour.
| Höhenmeter: | 759 m |
| Strecke: | 14,8 km |
| Gehzeit: | 6 Stunden |
| Einkehrtipp: | Capanna Campo Tencia |
| Beste Reisezeit: | Juli bis September |
Anreise nach Rodi-Fiesso im Tessin
Der Startpunkt unserer Tour ist die Seilbahn in Rodi-Fiesso, rund 40 Autominuten von Bellinzona entfernt. Hier gibt es einen großen, kostenlosen Parkplatz, auf dem wir das Auto abstellen können. Alternativ könnt ihr das dichte Bus- und Bahnnetz der Schweiz nutzen und mit den öffentlichen Verkehrsmitteln anreisen.
Da die Wanderung keine Rundtour ist, sondern in Dalpe endet, ist das Postauto am Ende unser bester Freund. Vom beschaulichen Örtchen Dalpe bringt uns der Bus ganz entspannt wieder zurück in die Zivilisation oder an den Ausgangspunkt. Schaut euch vorher allerdings unbedingt die Abfahrtszeiten des Busses in Dalpe an, damit ihr am Ende der Tour nicht hetzen müsst.


Nordsee-Feeling auf 2.000 Metern Höhe
Die Bahn, mit der wir nach oben düsen, ist eine kleine Gondel, die alle 15 Minuten fährt. Im Inneren gibt es einen Knopf, wie in einem Fahrstuhl. Sobald er grün aufleuchtet, können wir ihn drücken und düsen hinauf. Oben an der Capanna Tremorgio werden wir von tiefhängenden Wolken begrüßt. Die geben der Szenerie und dem nahegelegenen Lago Tremorgio einen fast schon dramatischen Anstrich.
Wir machen uns auf den Weg zur Campo Lungo Hochebene und treten tiefer in die mystische Bergwelt ein. Vorbei an kleinen Wasserläufen wandern wir plötzlich durch weißen Sand. Die Szenerie erinnert an eine Dünenlandschaft, wie man sie von der Nordsee kennt. Überall liegt feiner, weißer Sand. Völlig verrückt. Schließlich befinden wir uns auf über 2.000 Metern Höhe.



Schneeweißer Fels und tiefblaue Seen
Je höher wir steigen und uns dem Passo Vanet nähern, desto faszinierender wird die Bergwelt um uns herum. Plötzlich leuchten die Felsen hellweiß. Richtig strahlend. So als hätte es frisch geschneit. Aber tatsächlich ist das nur das Gestein. Wir sind umgeben von reinem Dolomit-Marmor. Es wird aber noch besser. Die Tour führt uns weiter zur Capanna Leit.
Hier könnt ihr eine kurze Pause einlegen, euer Wasser auffüllen oder gleich weiter durchstarten. Denn direkt hinter der Hütte liegt der gleichnamige Lago di Leit. Das ist mein Lieblingssee auf der Tour. Der Weg führt ganz nah am Ufer entlang. Still und malerisch liegt er neben uns. In einem satten Tiefblau. Richtig mystisch!


Steiler Anstieg und traumhafte Ausblicke
Jetzt wird es noch mal anstrengend. Vom Seeufer aus müssen wir uns in vielen steilen Serpentinen durch grobes Geröll nach oben schrauben. Aber nehmt euch zwischendurch unbedingt Zeit, um einen Blick zurück zu werfen. Denn der Lago die Leit unter uns wird immer kleiner. Umgeben von den senfgelben, herbstlichen Berghängen sieht die Landschaft aus wie gemalt. Man kommt aus dem Staunen (und dem Schnaufen) kaum noch heraus.
Am Grat oben angekommen, atmen wir kurz durch und dann geht’s weiter zum dritten und letzten Bergsee der Tour, zum Lago di Morghirolo. Ihn lassen wir diesmal allerdings rechts liegen und peilen direkt den Einkehrschwung in der Capanna Campo Tencia an. Die Berghütte wurde bereits 1912 gebaut und ist die erste Hütte im Tessin des Schweizer Alpenvereins. Probiert hier unbedingt die hausgemachten Gnocchi! Sie sind die perfekte Belohnung nach den anstrengenden Höhenmetern.





Fazit
Bis nach Dalpe geht es dann noch weiter bergab. Erst über einen tollen Wasserfallweg, später durch urige Wälder. Selten habe ich eine Tour gemacht, die auf einer Strecke so unfassbar viele unterschiedliche Landschaftsbilder vereint. Hinter jeder Kuppe, jeder Kurve wartet ein neuer „Wow“-Moment. Es ist eine anspruchsvolle Wanderung, für die man eine gute Grundkondition mitbringen sollte, aber für Naturliebhaber ist sie jeden einzelnen Schritt wert.
Falls ihr länger in der Gegend seid, nehmt euch auch Zeit, Bellinzona selbst zu erkunden. Das Städtchen hat beinahe mediterranes Flair und eine wunderschöne Altstadt. Einige Kilometer weiter liegt zudem die sehenswerte Ponte dei Salti bei Lavertezzo. Ein Eldorado für Fotografen. Und für absolutes Sommerfeeling ist auch ein Abstecher zum Luganersee oder Lago Maggiore immer eine gute Idee.
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