Wenn man an hippe Städte in Europa denkt, die schon fast Kultstatus haben, weil jeder sie sehen will oder schon gesehen hat, dann ist Reykjavik sicher nicht dabei. Irgendwie gerät die Insel im hohen Norden mit dieser kleinen Hauptstadt, die eher Dorf-Charakter hat, doch immer wieder ungewollt in Vergessenheit. Und das ist wirklich schade.

Weit und breit kein Mensch zu sehen

Auf der Fahrt vom Flughafen in die Stadt senkt sich die Sonne bereits wieder hinter den Horizont und von Verkehr ist keine Spur zu sehen. Dabei ist weder Sonntag noch allzu später Nachmittag, wo schon jeder wieder zu Hause wäre.

Must-Do:Golden Circle
Must-See:Wikingerboot
Übernachten:Reykjavik Konsulat
Essen:Icelandic Street Food
Beste Reisezeit:Mai bis Sep

Ich erinnere mich an die Zahlen, die ich gelesen haben, in Vorbereitung auf diese Reise. Island hat 300.000 Einwohner, ein Drittel davon lebt in der Hauptstadt Reykjavik. Ich kann mit Zahlen recht wenig anfangen, aber nun wird mir doch bewusst, wie wenig das wirklich ist.

Auch am Gästehaus angekommen, zeigt sich der typisch nordische Charakter eher im klassischen Understatement. Holzhaus, roter Anstrich, die Tür ist nicht verschlossen. Kaum sind wir drin, schallt es „Schuhe ausziehen!“ aus der Küche. Das ist dann wohl die Einführung in die örtlichen Gepflogenheiten.

Kathedrale und Fischsuppe

Unsere Unterkunft liegt direkt gegenüber der berühmten Hallgrimskirche, die mit dem klaren Weiß und den klaren Linien unerwartet schmucklos, massiv und fast etwas einschüchternd wirkt, aber völlig unbeeindruckt dem eisigen Wind trotzt, der an diesem Abend über den Vorplatz jagt. Die Basaltsäulen sollen an die isländische Landschaft erinnern, das Weiß an den Gletscher.

Am Rand des Kirchplatzes liegt ein kleines Café, gemütlich warm, aber reichlich hochpreisig, dafür, dass die Speisekarte eher wenig hergibt. Dunkles Roggenbrot, Lamm, Fischsuppe, Skyr. Typisch werden in Island auch Hai, Wal und Puffin (Papageientaucher) gegessen, aber ich weigere mich.

Spazieren durch eine Kleinstadt

Durch kleine Straßen mit bunten Häusern, liebevoll eingerichteten hübschen Läden und dem allgengewärtigen bunten Anstrich der Häuser geht es in die Innenstadt, die aus ungefähr drei zumindest etwas breiteren Straßen besteht.

Hier geht alles sehr viel gemütlicher zu – Hektik kennt in Reykjavik offenbar niemand und das Hauptstadtgefühl will sich einfach nicht einstellen. Es ist bereits dunkel, aber anders als uns scheint das den Isländern nicht das Gefühl zu geben, dass sich der Tag allmählich dem Ende zuneigt.

Jugendliche mit Sporttaschen, Mütter mit Kindern, Omas an der Straßenecke zum kurzen Kaffeeklatsch. Aber es ist ja auch erst 7 Uhr, auch wenn die Lichtverhältnisse Mitternacht sagen.

Sonnenaufgang um 9 Uhr über dem Wikingerboot

Auch am nächsten Morgen fühlen sich eben diese Lichtverhältnisse schlicht merkwürdig an, denn mit der Sonne, die ganz vorsichtig über den Horizont schielt, sagt mein Gefühl 7 Uhr morgens, in Wirklichkeit ist es schon fast 10 Uhr.

In diesem Licht sieht das Wikingerboot, das einer der am meisten fotografiertesten Orte in Reykjavik ist, besonders schön aus. Genannt Solfár oder Sun Voyager steht es am Wasser mit direkten Blick auf die dahinter liegende eisige Bergkette und scheint an diesem Morgen im goldenen Licht schier zu glühen.

Auch wenn ich weiß, dass es sich hier nur um ein Kunstwerk handelt, verpasst mir der Gedanke, dass schon sehr lange vor meiner Zeit Menschen mit solchen Booten in dieser rauen Natur ausgefahren sind, schlicht eine Gänsehaut.

Instatipp: Geht am Morgen oder am Abend zum Sun Voyager, schaut über das Wasser hin zu den verschneiten Bergen und macht in diesem fast magischen Licht ein Foto. Besser kann man Island-Atmosphäre in einem Bild nicht einfangen.

Sonniger Nachmittag am Tjörnin-Teich

Von der Statur Sonnenfahrt geht es weiter entlang des Opernhauses zum hübschen Tjörning-Teich mit kleinem Park, der sich direkt neben dem modernen Rathaus von Reykjavik befindet. Wenn ihr bis dahin dachtet, die Stadt sei etwas verschlafen, dann ist dieser Park sicher der Full Stop.

Rentner füttern Enten, der Himmel ist blau und nichts bewegt sich, weil alle in dicken Winterjacken auf den Bänken sitzen und die Gesichter in die Sonne halten. Schon wieder dieses Sonntagnachmittag-Gefühl, obwohl gar nicht Wochenende ist.

Anschließend geht es noch zu Settlement Exhibition, in der Besucher unterirdisch durch eine alte Wikingersiedlung laufen.

Lohnt sich Sightseeing in Reykjavik?

Wenn ihr davon ausgeht, dass eine Hauptstadt unbedingt eine Metropole sein muss, in der das Leben pulsiert, der Verkehr euch den letzten Nerv raubt und in der ihr eine Woche braucht, um alles gesehen zu haben, dann ist Reykjavik wohl eher nichts für euch.

Die Sehenswürdigkeiten im klassischen Sinne sind hier handverlesen und können in einem Nachmittag abgelaufen werden. Die Stadt gleicht eher einem Freiluft-Museum, in dem ihr einfach in aller Ruhe (also wirklich) mit vielen Kaffee-Stops (die Isländer sind Weltmeister im Kaffeetrinken) durch die urgemütlichen Straßen schlendert und vor jedem zweiten Haus stehenbleibt und verzückt ausstoßt: Ach, nein, wie süß!

Denn hier bekommt ihr anstatt Hektik und Big-City-Lifestyle eher den Nachhall einer sehr alten Kultur, die noch in jeder Straße und in jedem Haus sicht- und spürbar ist.

Lage

Praktische Links

Kommentar verfassen