Libanon hat immer noch mit starken Vorurteilen zu kämpfen. Auch bei Reisenden. Ich hab es in den besorgten Gesichtern derjenigen gesehen, denen ich von meinem Reiseziel erzählte. Da tauchen dann entweder Bilder vom Krieg auf oder von Wüstenlandschaften mit Kamelen. Begegnet ist mir wieder das eine noch das andere. Ich war jedenfalls eine Woche lang im Libanon und möchte nun gerne mit diesen Vorurteilen etwas aufräumen.

Der Krieg ist vorbei und zwar schon eine ganze Weile

Ehrlich gesagt, keine Ahnung, wo diese Vorstellung herkommt, aber sie hält sich hartnäckig. Obwohl der Bürgerkrieg im Land seit 1990 vorbei ist, scheinen die meisten immer noch zu glauben, dass ein Aufenthalt in Beirut lebensgefährlich sein kann.

Und damit ist nicht die Verkehrslage gemeint. Die ist nämlich tatsächlich etwas suizidal. Das erste (und einzige), was mir in Beirut allerdings als mörderisch aufgefallen ist, war die Hitze.

Obwohl ich mitten in der Nacht am Flughafen ankomme, sind es immer noch 35 Grad. Auch im Hostel, das übrigens gleichzeitig eine NGO ist, ist es nicht kühler, denn der Strom – und damit die Klimaanlage – sind mal wieder ausgefallen, was, wie sich im Laufe der nächsten Tage zeigen wird, keine Seltenheit ist.

Erschlagen vom Lärm

Einwohner:6.100.000
Hauptstadt:Beirut
Sprache:Arabisch
Währung:Pfund
Beste Reisezeit:Frühling

Beirut hat mich schon in den ersten Stunden völlig geschafft, als ich am nächsten Tag losziehe. Es ist heiß und der Lärm vom Verkehr ist der reine Wahnsinn.

Irgendwie ist es der Regierung nämlich seit Ende des Bürgerkriegs nicht so recht gelungen, einen öffentlichen Nahverkehr ans Laufen zu kriegen, deswegen fährt jeder – also wirklich – jeder mit dem Auto. Täglich pendeln demnach mehrere Millionen Fahrzeuge nach Beirut rein und am Abend wieder hinaus. Wie angenehm das für Fußgänger ist, kann sich wohl jeder denken.

Das Nachtleben ist legendär – wirklich?

Falls eure Vorstellung von Beirut insgeheim doch von Frauen geprägt ist, die nur daheim hocken und beim Rausgehen Vollverschleierung tragen, dann vergesst es.

Das Nachtleben der Hauptstadt ist schon fast legendär und ich gebe zu, ich habe ein paar sehr SEHR kurze Röcke, dafür aber entsprechend hohe Absätze gesehen. Was das legendär angeht, wird der westliche Reisende aber wahrscheinlich enttäuscht werden.

Für den Nahen Osten ist es wahrscheinlich extrem (schließlich gibt es hier sogar Schwulenclubs und es kann auf der Straße Alkohol konsumiert werden), aber im Vergleich zu Berlin oder Amsterdam geht es hier schon sehr brav zu.

Sehenswürdigkeiten in Beirut

Da nach dem Bürgerkrieg, in dem am Ende einfach jeder gegen jeden kämpfte, in Beirut kaum noch ein Stein auf dem anderen stand, ist die Dichte klassischer Sehenswürdigkeiten eher mäßig.

Es gibt ein paar Kirchen und Moscheen, ebenso wie das völlig zerschossene Holiday Inn Hotel, das zu trauriger Berühmtheit gelangt ist. Auch auf den Straßen zeigt sich immer noch recht starke Militärpräsenz. So ist das Viertel hinter der Mohammed al Amin Moschee rund um die Nationalversammlung mit Panzersperren blockiert und schwer bewaffnete Soldaten patrouillieren.

Es lohnt sich daher eher, sich einer alternativen geführten Tour anzuschließen, die unter anderem den Konflikt thematisiert, aber auch typische Wohnviertel in Ost- und West-Beirut zeigt.

Instatipp: Landschaftliches Highlight sind die Raouche Rocks vor der Küste in Beirut. Das riesige Felsentor steht mitten im Wasser und ist ein hervorragendes Fotomotiv.

Libanon bereisen mit geführten Touren

Wenn es keinen öffentlichen Nahverkehr gibt, dann boomen logischerweise die Agenturen, die Touristen ohne große Komplikationen von A nach B bringen.

Wenn diese Touristen dann auch zu wenig Sprachkenntnisse mitbringen, um ihre eigenen Touren mit örtlichen Taxifahrern auszuhandeln, dann wird auf die Preise entsprechend draufgeschlagen.

So kostet eine Tagestour von etwa 5 Stunden gerne einmal mehr als 100 Euro. Beliebte Ziele dafür sind die Tempelanlage in Baalbek oder die berühmten Wälder der Cedars of God.

Tagestouren nach Baalbek und den Cedars of God

Beide Attraktionen lassen sich sogar gut kombinieren, da der Stopp bei den Cedars of God kaum länger als eine Stunde dauert. Schließlich gibt es nur einen einzigen Pfad, der durch die teilweise jahrhunderte alten Bäume führt. Große Wanderungen sind also nicht möglich.

Baalbek wiederum ist wohl der Anlaufspunkt für Touristen in Libanon, mit den obligatorischen Souvenir-Ständen und ein paar gelangweilten Kamelen, die im Schatten darauf warten, dass ihre Besitzer mit dem Reitspaß ein bisschen Geld verdienen.

Die Tempelanlage von Baalbek gehört zu den größten und am besten erhaltenen Beispielen römischer Baukunst im Nahen Osten. Die meisten Besucher kommen per Tagestour mit Guide nach Baalbek, aber auch die individuelle Anreise per Bus ist möglich.

Auch wenn die Anlage sicher beeindruckend ist, war ich eher interessiert an der wunderschönen Sayyida Khawla Moschee, die bei der Einfahrt gar nicht zu übersehen ist, weil sie in leuchtenden Farben gigantisch groß plötzlich unerwartet am Straßenrand auftaucht.

Aber auch hier vervollständigen Gitterzäune, Security-Checks und Panzersperren rund um das Gebäude das Bild. Die Straße ist staubig, der Verkehr ist der Wahnsinn und die Hitze flirrt über dem Asphalt.

Vor dem Eingang herrscht ein Chaos von Reisebussen aus Syrien oder Irak – verschleierte und vollverschleierte Frauen huschen über die Straße.

Hezbollah-Gebiet

Eine weniger frequentierte Tour ist eine Fahrt nach Mleeta im Süden des Landes. Das wird spätestens klar, als ich mich in einem Büro des libanesischen Militärs wiederfinde, wo ich Fragen zu meiner journalistischen Tätigkeit beantworte.

„You are not allowed to talk to a soldier in Israel“, will mein Übersetzer mir gerade erklären, als ihm der Offizier scharf ins Wort fällt. „Palestine!“ Libanon erkennt offiziell die Existenz des Staates Israel nicht an und Hezbollah, eine Gruppierung, die von vielen Ländern als radikal eingestuft wird, versteht sich als Verteidigungsmacht gegen eben diesen Feind auf der anderen Seite der Grenze.

Dass Hezbollah dabei über ein stärkeres militärisches Arsenal verfügt als die libanesische Armee scheint im Land keinen so recht zu stören.

Auf der Fahrt durch das Hezbollah-Gebiet fragt mich mein Fahrer und Übersetzer immer wieder, ob ich Angst habe. Ich sehe dafür allerdings überhaupt keinen Grund. Abgesehen von den auffälligen Flaggen in gelb und grün fällt mir nichts Besonderes auf. Keine Ahnung, ob er dachte, ich hätte mit Scharfschützen auf den Häuserdächern gerechnet.

Panzer und Propaganda im Militärmuseum

Mleeta als Militärmuseum zu bezeichnen wäre wohl etwas naiv, denn die Art, wie zerstörtes israelisches Equipment präsentiert wird und Hezbollah sowohl im Handeln als auch im Denken glorifiziert wird, ist wohl kaum neutral.

Auch der Museumsführer, der mir freundlich alle meine Fragen beantwortet, ist wahrscheinlich nicht zufällig sehr charismatisch und sympathisch. Ein gesundes Maß an Skepsis sollte hier also unbedingt mitgebracht werden, um sich eine Meinung zu bilden.

Fazit

Für mich persönlich war das Land eines der Highlights meiner bisherigen Reisen.

Jemanden, der wiederum gerade erst beginnt mit Individual-Tourismus und vielleicht noch etwas mehr Struktur (etwa in Sachen Transport und Organisation) braucht, der sollte sollte den Besuch im Libanon vielleicht noch etwas hinausschieben.

Auch klassische Sehenswürdigkeiten gibt es im Land wenig. Hier ist wirklich der Weg das Ziel. Die Interaktion mit den Menschen vor Ort, das Essen, die Kultur, die Geschichte, die politische Lage.

Wer Libanon wirklich kennenlernen will, der wird von den unvergleichlich herzlichen Menschen sofort mit offenen Armen empfangen werden. Wer aber den klassischen Tourismus bevorzugt, der zwar Gucken, aber nicht Anfassen meint, dann wäre ein anderes Reiseziel vielleicht besser.

Lage

Praktische Links

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