Wer sich vor einer Reise nach Russland einlesen will, der ist sicher Monate beschäftigt. Schließlich kommt das größte Land der Erde auch mit einer ziemlich langen Geschichte daher, mit eben so vielen Hochs wie Tiefs. Manchmal scheint irgendwie auch vergessen zu werden, dass Russland ja nicht nur aus einem einzigen Mann besteht. So gibt es noch unendliche Weiten, gutes Essen, reiche Kultur und die berühmte russische Seele, die wirklich wunderschön ist, wenn man sie zu sehen bekommt.

Mit dem Nachtzug von Moskau nach St. Petersburg

Wenn ihr Anna Karenina von Tolstoi gelesen habt, dann dürfte euch klar sein, dass in Russland Geschichten, in denen ein Zug vorkommt, nicht immer gut ausgehen müssen.

Trotzdem sind sie etwas, das das Land ausmacht, denn lange Zeit wäre die gigantische Landmasse, die sich in der Sowjetunion über 11 der 24 Zeitzonen der Erde erstreckte, anders gar nicht zu erschließen gewesen.

Der berühmte Transsibirien-Express fährt etwa von Moskau nach Wladiwostok 9.288 Kilometer und braucht dafür in der Regel 6 Tage. Ich bin nicht ganz so weit gefahren, nur knapp 600 Kilometer von Moskau nach St. Petersburg. Ein russischer Katzensprung sozusagen, der in einer Nacht bewältigt wird.

Über den ganzen Zug verteilt

Start:Leningrader Bahnhof
Ziel:Moskauer Bahnhof
Reisezeit:6:40 Std.
Tickets:ab 14 Euro
Anbieter:Russian Railways

„Im Voraus buchen muss nicht sein, das können wir vor Ort machen. Das reicht!“ So weit die Einschätzung des Russen in unserer 5 Personen starken Gruppen hinsichtlich der Zugtickets für den Nachtzug von Moskau nach St. Petersburg.

Am Vorabend der Abfahrt zeigte sich allerdings im Online-Buchungssystem, dass Ilia damit leicht falsch gelegen hatte. Anstatt mit allen in einem Schlafabteil zu nächtigen, wurden wir allesamt über den gesamten Zug verstreut.

Immerhin hatten wir noch Glück, dass wir überhaupt mitfahren konnten – wobei dieses Glück auch meinte, dass wir den vehement teureren Last-Minute-Preis bezahlt haben.

Aus Versehen bis nach Helsinki?

Der Bahnhof Leningradskiy Vokzal in Moskau ist zugegeben nicht gerade die Gegend, wo man sich im Dunkeln aufhalten möchte, wenn man sich die Leute so ansieht, die vor der Eingangshalle herumlungern, aber das haben ja Bahnhöfe irgendwie so an sich.

Nach der Gepäckkontrolle – in Russland werden die Koffer schon beim Betreten der Bahnhöfe und Flughäfen gescannt – zeigt sich eine fast schon typische wunderschöne Dekoration, wobei sich unter der Decke auch eine enorme Kuppel der Geräuschkulisse gebildet hat.

Verursacht wird die Lautstärke durch Unmengen asiatischer Reisegruppen, die von den Verantwortlichen in die richtigen Richtungen geschoben werden.

Anders als angenommen erklärt uns die Anzeigetafel übrigens, dass unser Zug nicht Endstation in St. Petersburg macht, sondern in Helsinki. Ich male mir schon aus, wie ich verschlafe und aus Versehen in Skandinavien aufmache. Da dachte ich ja noch, ich würde schlafen….

Schwarzer Tee, aber vor dem Fenster kein Sibirien

Tee und Züge gehören in Russland einfach untrennbar zusammen. Besonders, wenn es sich um lange Strecken und Distanzen handelt.

In der Metro packt wohl keiner die Thermoskanne aus. In unserem Schlafabteil steht aber, kaum dass wir die Koffer unter den unteren Betten verstaut haben, schon eine Schaffnerin hinter uns und fragt, ob wir Tee wollen.

Leider kann ich kein Russisch, dafür aber Tschechisch und wir verstehen uns irgendwie. Bald stehe ich aber vor dem Problem, dass ich gar keinen Platz habe, um mich mit meiner Tasse hinzusetzen, denn alle Betten sind schon gemacht und ich will mich jetzt auch nicht auf jemandes Kopfkissen setzen.

Die Mitreisende, die unten schläft, erkennt mein Problem und rückt für mich zur Seite. Also beeile ich mich mit meinem Tee und stelle mir einfach vor, wie es gewesen wäre, hätte ich den Tee in Ruhe trinken können, während draußen das verschneite Sibirien vorbeizieht.

Geschlafen ja, aber erholt bestimmt nicht

Nach dem Schlange stehen mit allen Frauen aus dem Abteil, die sich zumindest fix in der Toilettenkabine die Zähne putzen wollen, ist sehr schnell Nachtruhe.

Wobei Nacht hier missverständlich ist, denn richtig dunkel wird es im Abteil ohnehin nicht. Eine fast klinische blaue Notbeleuchtung bleibt die ganze Zeit an und lässt mich an einen OP-Saal denken. Platz ist auch nicht viel. Sich umziehen, ohne sich den Kopf zu stoßen, ist in halb aufgerichteter Haltung sicher ein gutes Training für die Bauchmuskeln.

Auch sind die Wände eher dünn, so dass ich auch hören kann, dass das Kleinkind zwei Abteile weiter gar nicht vorhat, an Schlafen zu denken. Um Viertel nach 5, als der Zug in St. Petersburg einfährt, habe ich sicher nicht die beste Nacht meines Lebens hinter mir.

Bloß nicht die Holzklasse buchen

Auf meinem Weg zurück nach Moskau, den ich allein fuhr, weil alle anderen Russland bereits in St. Petersburg verlassen hatten, wurde aber sehr deutlich, wie luxuriös der Schlafwagen auf der Hinfahrt doch gewesen ist.

Stattdessen fand ich mich nämlich in der Holzklasse wieder, wo ich fast 8 Stunden aufrecht sitzend ohne Klimaanlage bei etwa 35 Grad im Zugabteil verbrachte (es war Mitte August und nein, Russland ist nicht nur Schnee und Eis.)

Blöd, wer an der offensichtlich falschen Stelle spart. Über das schaukelnde Oberbett mit Grusel-Beleuchtung und Tee-Service hätte ich in dem Moment ziemlich viel gegeben.

Fazit

Ganz klar, der Nachtzug von Moskau nach St. Petersburg ist nicht die Transsibirische Eisenbahn, nicht einmal annähernd. Für Gemütlichkeit bleibt kaum Zeit, auch die Abteile sind eher praktisch eingerichtet.

Auch der Gedanke, beim Übernachtzug die Kosten für eine Unterkunft zu sparen, greift nur mäßig, denn mit der Ankunft um 5 Uhr morgens muss noch sehr viel Zeit bis zum nächsten Check-In überbrückt werden.

Rückwirkend betrachtet, muss man sich überlegen, ob es die Erfahrung wert ist, vor allem, wenn es nicht der erste Nachtzug des Lebens ist. Zum Schlafen ist die Strecke zwischen beiden Städten zu kurz und tagsüber gibt es auch Express-Züge, die sie in deutlich kürzerer Zeit schaffen.

Wer diese im Voraus bucht, zahlt wahrscheinlich einen ähnlichen Preis. Deswegen lautet mein Fazit wohl: Wirklich nur machen, wer wirklich WIRKLICH einmal mit dem Nachtzug fahren möchte.

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