Und plötzlich ist nichts mehr, wie es vorher war. Manchmal braucht es nur eine Sekunde – vielleicht auch weniger – und die Welt geht in Flammen auf. Wo gerade noch Häuser standen, Menschen gingen und Straßenbahnen fuhren, ist nun Tod, Zerstörung, Chaos.

Ein Besuch am Friedensdenkmal in Hiroshima

Innerhalb einer Sekunde zerstörte die amerikanische Atombombe Little Boy, die am Morgen des 6. August 1945 auf die Aioi-Brücke der japanischen Stadt Hiroshima abgeworfen wurde, 80 Prozent der Innenstadt. Ihre thermische Strahlung entzündete in einem Umkreis von 10 Kilometern Feuer. 70.000 bis 80.000 Menschen waren auf der Stelle tot.

Heute ist das Gebäude des Atomic Bomb Dome ein Friedensdenkmal, da die Konstruktion als einzige in einem sehr weiten Umkreis die Detonation überstand. Aus dem Grund, dass die Bombe knapp 250 Meter darüber explodierte und dass sich so eine Kuppel bildete, die das Gebäude verschonte.

Instatipp: Die bunten Origami-Kraniche in einer Nahaufnahme und die lebensgroße Bronzestatue von Sadako Sasaki im Friedenspark sind ein wunderschönes Motiv, um an eine herzzerreissende Geschichte zu erinnern.

Eine hochmoderne Stadt, die die Geschichte kaum erahnen lässt

Der Vorplatz vom Hauptbahnhof in Hiroshima ist hochmodern. Hausfrauen mit Einkaufstüten, Rentner mit Hund, Geschäftsleute mit Aktentaschen. Kimonos, Anzüge, Schuluniformen. Die Tram in Richtung meines Hostels, das direkt gegenüber vom A-Dome am Fluss Motoyasu liegt, ist voll.

Im Sonnenlicht bewegt sich die Straßenbahn langsam die leichte Steigung hinauf, vorbei an der typisch japanischen farbüberladenen Reklame und Hochhäusern, deren Außenfassaden das Licht reflektieren.

Ich kann nicht genau sagen, was ich erwartet habe – aber sicher nicht das. Dieser Ort sieht aus wie jeder andere im Land, voller Leben und Trubel und nichts lässt erkennen, dass vor knapp 70 Jahren diese Stadt dem am nächsten kam, was ich mir als Hölle vorstelle.

Sonnenlicht, Blumen und die Katastrophe

Es fühlt sich falsch an. Die Sonne wärmt mir den Rücken, auf der Wiese um den eingezäunten A-Dome blühen bunte Blumen, Menschen machen Fotos. Die Szenerie, so voller Leben, verstört mich und ich beschließe, am Abend wieder zu kommen.

In der Zwischenzeit gehe ich eine Runde im Friedenspark, in dem sich zahlreiche Mahnmale und Kunstwerke befinden, die an die Katastrophe und den tragischen Verlust, so vieler Menschenleben erinnern sollen.

An der Friedensflamme, die nie erlischt, verneigen sich Menschen auf die japanische Art vor den Opfern, während langsam die Dämmerung hereinbricht. Ich setze mich auf eine Treppe, höre einem Musiker zu, der schwere Melodien in die Nacht hinausschickt und fühle mich seltsam leer.

Hier geht das Leben sichtlich weiter – der Verlust so vieler Menschen war schmerzlich, tragisch, einschüchternd – und noch immer leiden viele an den Erkrankungen, die die Strahlung verursacht hat, aber egal, wie schlimm es auch ist, die Welt dreht sich einfach weiter.

Der Mond über der Atombombenkuppel

In der Nacht spiegeln sich der A-Dome und seine Lichter im Fluss, darüber steht der Mond und die Stimmung könnte vielleicht romantisch sein, wäre dies eine andere Zeit und ein anderer Ort.

Paare laufen Hand in Hand vorbei, von der Einkaufsmeile und dem Vergnügungsviertel nur eine Straßenecke weiter schallt Musik herüber, über die Brücke gehen Menschen von der Arbeit nach Hause. Sicher stumpft man ab, wenn man hier wohnt und jeden Tag mit der Geschichte konfrontiert wird.

Ich fühle aber noch und was ich fühle ist Unverständnis, weil ich nicht begreifen kann, wie führende Politiker eine derartige Entscheidung treffen können, die nicht nur Menschenleben auf einen Schlag auslöscht, sondern auch noch für Generationen den Boden verseucht und selbst Kindeskinder mit grausamen Krankheiten infiziert.

Ich frage mich, ob der besagte Politiker und der Pilot, der die Bombe warf, je wieder ruhig geschlafen haben.

Das Atombomben-Museum in Hiroshima

Als hätte meine Fantasie mit dem Verarbeiten dieses Kriegsverbrechens nicht schon genug zu tun gehabt, bekomme ich im Atombomben-Museum auch noch die Original-Fotos dazu. Ganz ehrlich, die Anblicke, die sich dort bieten, sind sicher nichts für Sensible.

Der Eintritt ist mit 200 Yen (knapp 2 Euro) sehr bezahlbar und auch wenn ein Besuch sicher nicht angenehm ist, so ist er doch unumgehbar wichtig.

Im Museum selbst ist es heiß, von den vielen Sprachen wird mir schwindelig und ich müsste lügen, wenn ich sagen würde, dass das Museum neutrale Informationen liefert (Japans Rolle im Zweiten Weltkrieg fällt gänzlich weg).

Aber die Original-Aufnahmen im Museum vom Tag der Katastrophe, von dem Kimono-Muster, das sich wegen der unterschiedlichen Reflektierkraft der verschiedenen Farben in die Schulter einer Japanerin eingebrannt hat, Schattenrisse von Menschen auf Gebäudemauern, Wunden voller Maden auf noch lebendigen Körpern und Menschen, die halb wahnsinnig vor Durst umherirren, weil alles Wasser verdampft ist – ganz ehrlich, das hätte sich meine Fantasie nicht ausdenken können.

Lohnt sich ein Besuch am A-Dome?

Ich habe ehrlich gesagt Skrupel, das Wort „lohnen“ in diesem Zusammenhang zu benutzen. Schließlich geht es hier nicht um einen schönen Spaziergang im Park oder einen Ort, an dem man ein Selfie machen sollte. Hier geht es darum, zu versuchen, zu verstehen, was eigentlich unbegreiflich ist. Auch wenn das bedeutet, dass ihr euch ganz sicher den Tag ruiniert. Aber ich fürchte, es muss leider sein, denn ohne diesen Ort gesehen zu haben, begreift man das Ausmaß dieser Katastrophe einfach nicht.

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