Ich stehe zwischen knorrigen Eichen, deren verdrehte Äste in den Himmel greifen. Durch ihre bizarren Formen öffnet sich der Blick auf den Edersee, der ruhig und weit unter mir liegt. Das Wasser glitzert im Licht, die bewaldeten Hügel verlieren sich sanft am Horizont. Dann geht es für mich weiter, auf einem schmalen Steig aufwärts, durch einen waschechten Urwald mitten in Deutschland!
Lohnt sich die Wanderung auf dem Urwaldsteig am Edersee?






Der Urwaldsteig am Edersee gehört zu den eindrucksvollsten Fernwanderwegen Deutschlands und erstreckt sich über rund 66 Kilometer entlang des Nationalparks Kellerwald-Edersee. Das Gebiet ist Teil des UNESCO-Weltnaturerbes und gilt als eines der bedeutendsten Relikte natürlicher Buchenwälder in Europa. Die geologischen Besonderheiten, Tonschiefer, Grauwacken (grüngraue Sandsteine) und steile Hänge, sorgen für eine außergewöhnliche Vielfalt an Waldtypen.
Die Etappe zwischen Asel und Basdorf führt dabei durch eine der ursprünglichsten Waldlandschaften Mitteleuropas. Alte Buchen- und Eichenbestände, darunter teilweise mehrere hundert Jahre alte Bäume, prägen das Bild. Und natürlich ergeben sich immer wieder tolle Ausblicke auf den langen Edersee, der eigentlich Edertalsperre heißt und mit insgesamt rund 27 Kilometern Länge eine der größten Talsperren Deutschlands ist. Zwischen bewaldeten Hügeln zieht sich das Wasser wie ein langes, blaues Band durch den Nationalpark.
Fototipp: Die besten Motive findet ihr an den Aussichtspunkten entlang des Knorreichenstiegs. Besonders eindrucksvoll sind Aufnahmen, bei denen die knorrigen Eichen den Vordergrund bilden und der Edersee dahinter aufleuchtet.
Anreise zum Wanderparkplatz „Strieder-Eiche“
| Strecke: | 16,3 km |
| Höhenmeter: | 683 hm |
| Gehzeit: | 6,5 Stunden |
| Einkehrtipp: | Edersee Alm |
| Schwierigkeit: | mittel |
Der Wanderparkplatz Strieder-Eiche liegt nahe des Ortes Asel am Nordufer des Edersees und ist ein idealer Startpunkt für die Tour auf dem Urwaldsteig. Mit dem Auto erreicht ihr ihn über die Orte Vöhl oder Waldeck. Von dort folgt ihr den ausgeschilderten Straßen Richtung Asel, bevor ihr in ein ruhiges, waldreiches Gebiet gelangt. Der kostenlose Parkplatz befindet sich in unmittelbarer Nähe des Waldrandes. Von Basdorf aus könnt ihr dann entweder ein Taxi oder aber den Bus 505 bis Asel nehmen.
Mit öffentlichen Verkehrsmitteln ist die Anreise etwas aufwendiger und ihr solltet die Strecke etwas anpassen. Basdorf liegt ebenfalls auf der Route. Ihr erreicht den Ort mit dem Bus 504 von Korbach aus.
Verdrehte Knorreichen am Urwaldsteg
Der Urwaldsteig beginnt nur wenige Meter vom Parkplatz entfernt. Er macht seinem Namen alle Ehre: Umgestürzte Stämme bleiben liegen, der Boden ist durchzogen von Wurzeln und uralte Eichen und Buchen wachsen scheinbar ungeordnet. Mir fällt besonders die Form der Bäume ins Auge: Diese sogenannten Knorreichen wirken verdreht, fast figürlich, das Ergebnis eines jahrhundertelangen Kampfes mit Wind, Trockenheit und extrem kargem Boden.
Unter meinen Füßen liegen etliche Felsblöcke, Blockhalden, die den Hang bedecken wie ein steinernes Gerüst. Zwischen diesen Steinen findet kaum Erde Platz, nur Spalten, in denen sich das Leben irgendwie behauptet. Der Pfad des Urwaldsteigs schlängelt sich direkt am Hang entlang, mal leicht ansteigend, mal sanft abfallend. Wer hätte gedacht, dass ich mitten in Hessen mal eine so alpine Tour machen kann?
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Edersee und Hünselburg
Immer wieder öffnet sich der Wald und gibt den Blick auf den Edersee frei: ein tief eingeschnittenes Wasserband, das sich durch die Mittelgebirgslandschaft zieht, je nach Licht ruhig, fast spiegelnd oder rau und bewegt. Der See entstand Anfang des 20. Jahrhunderts durch den Bau der Edertalsperre und ist heute einer der größten Stauseen Deutschlands.
Doch die Landschaft erzählt nicht nur Naturgeschichte, sondern auch Menschheitsgeschichte. Nicht weit vom Urwaldsteig liegt die Hünselburg, eine alte Wallanlage aus keltischer Zeit. Heute wirkt sie fast unscheinbar im Wald, doch die Erdwälle erinnern daran, dass dieser Ort schon vor mehr als 2.000 Jahren strategisch genutzt wurde.
Einkehr in der Edersee-Alm
Im weiteren Verlauf des Urwaldsteigs sehe ich den Edersee noch aus ganz verschiedenen Perspektiven. Mir kommen wenige Wanderer entgegen und auch Begegnungen mit der Zivilisation sind selten. Ich passiere einen fast ausgestorbenen Campingplatz und gelange dann irgendwann an den Rand des Dorfes Scheid. Obwohl die Lust auf eine gemütliche Pause größer wird, entscheide ich mich gegen einen Erkundungsspaziergang und laufe schnurstracks auf dem Urwaldsteig weiter.
Der ultimative Einkehrtipp befindet sich nur wenige Gehminuten in nördlicher Richtung: die Edersee-Alm. Das Ambiente erinnert tatsächlich an eine Berghütte in den Alpen: Der Gastraum ist komplett holzverkleidet, an der Decke hängen Hirschgeweihe und die Lampen sind in große Wagenräder eingearbeitet. Auf der Sonnenterrasse werden griechische und bayerische Spezialitäten serviert. Das Beste hier ist aber definitiv die Sicht: Auf der gegenüberliegenden Seeseite liegt die Burg Waldeck, hoch auf einem Hügel, klar sichtbar über den Wäldern.
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Fazit
Wer eine Wanderung sucht, die Natur, Geschichte und eindrucksvolle Ausblicke vereint, ist auf dem Urwaldsteig am Edersee genau richtig. Die Strecke zwischen Asel und Basdorf bietet eine außergewöhnliche Vielfalt, von urwaldähnlichen Wäldern über keltische Spuren bis hin zu weiten Blicken auf den See. Besonders die knorrigen Eichen und die stille, fast mystische Atmosphäre machen diese Tour einzigartig.
Wer danach noch Zeit hat, sollte unbedingt einen Abstecher zur Burg Waldeck einplanen. Die historische Anlage liegt spektakulär über dem Edersee und bietet je nach Tageszeit ein beeindruckendes Lichtspiel über dem Wasser und den Tälern. Direkt am Edersee warten dann weitere Möglichkeiten: Kajakfahren, Stand-up-Paddling, eine entspannte Schifffahrt oder einfach Baden und Verweilen in einer der kleinen Buchten. So lässt sich die Wanderung perfekt mit einem echten Seemoment abrunden.


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