Eigentlich hatte ich es mir ja ganz wild-romantisch vorgestellt. Nur ich und meine Maschine in der unberührten Natur, zwischen den beeindruckenden Felsen und Bergen in Nordvietnam. Dazu Sonnenschein, blauer Himmel und eine leichte Brise, die mich auf der Fahrt angenehm abkühlt. Und dann kam die Realität auf dem Ha-Giang-Loop.

Spektakuläre Motorrad-Tour im Ha-Giang-Loop in Vietnam

Das Internet überschlägt sich fast vor Begeisterung, wenn man den Begriff Ha Giang Loop bei Google eingibt. „Mein absolutes Highlight auf meiner ganzen Vietnam-Reise!“ „Beste ever!!!“

Auf den Fotos dazu begeisterte Biker vor beeindruckenden Berg-Panorama-Aussichten, Reisfeldern und Serpentinen-Straßen. Die Auswahl an Agenturen, die die Touren anbieten, ist schier unendlich, ebenso wie die Möglichkeiten, wie viele Tage man fahren will, ob man selbst fährt oder hinten drauf bei einem Easy Rider.

Wir sind zu zweit und entscheiden uns für eine eigene Maschine und einen Easy Rider, damit wir uns bei Müdigkeit einmal abwechseln können. Außerdem umfasst unser 4-Tage-Paket bereits die Unterkünfte und die Verpflegung sowie das Benzin.

Eine Versicherung für das Motorrad kann für knapp 3 Euro pro Tag hingebucht werden. Wer die Tour ganz individuell machen will, kann sich aber auch nur das Bike ausleihen und dann auf Wunsch stoppen und einkehren.

Schon mal deutlich kälter als gedacht

Start / Ziel:Ha Giang City
Dauer:3 bis 4 Tage
Länge:ca. 400 km
Rollerverleih:ca. 9 Euro / Tag
Beste Reisezeit:Sep. bis Dez.

Mir war schon klar, dass die Temperaturen im Norden des Landes merklich kühler sein würden als im Süden, aber dass drei Schichten Kleidung trotzdem noch zu kalt sein würden, damit hatte ich nicht gerechnet.

Direkt beim ersten Dorf stehen Touristen an den kleinen Shops Schlange, um sich lange Hosen, Pullover und Regenjacken zu kaufen, denn die gefühlte Temperatur kann dank des frischen Windes kaum mehr als 10 Grad gewesen sein.

Der erste Tag ist zum Einfahren und Üben gedacht und trotzdem rutscht die Vietnamesin aus Ho Chi Minh City, die zu unserer Gruppe gestoßen ist, bereits zwei Mal mit ihrem Motorrad weg und schürft sich das Kinn auf. Beim Start der Reise wurden von der Agentur noch Arm- und Beinschoner angeboten, was ich abfällig abgewunken habe. Jetzt bin ich mir gerade gar nicht mehr so sicher, ob die Idee wirklich so übertrieben war.

Die bemerkenswerte Landschaft mit den schroffen, steilen Felsen und den Reisterrassen zeigt sich am ersten Tag schon am Bac Sum Pass und am Heavens Gate – auch wenn die Sicht etwas vernebelt ist. Letzter Stopp des Tages ist die Höhle Lung Khuy.

Traumhafter Ma Pi Leng Pass mit Skywalk

Nach einer Nacht in einem Homestay in Yen Minh geht die Route des zweiten Tages über den Tham Ma Pass Aussichtspunkt und den Vuong Royal Palace zum Ma Pi Leng Pass.

Bis zu diesem Zeitpunkt habe ich allerdings schon angefangen, mich zu fragen, ob vier Tage auf dieser Tour vielleicht doch zu lang gewählt waren, denn auch wenn die Landschaft sicher schön ist, gab es noch nichts, was mich vor Begeisterung vom Motorrad gerissen hätte.

Selbst der Besuch der vietnamesisch-chinesischen Grenze war eher etwas enttäuschend, weil sie inmitten des felsigen Gebiets gar nicht erkennbar gewesen wäre, wenn nicht jemand eine Grenzmarkierung aufgestellt hätte.

Am Ende des Tagesabschnitts begeistert aber zum Glück noch der Ma Pi Leng Pass mit seinem Skywalk, was eigentlich nur bedeutet, dass man auf einem schmalen Pfad direkt am Abgrund entlanggeht, während Einheimische auf Motorrädern nur wenige Meter am sicheren Tod vorbei zwischen den Wanderern hindurch rasen.

Am Fuß des Abgrunds eröffnet sich der gleichnamige Canyon, einer der tiefsten in Asien, mit tiefgrünem Wasser zwischen den fast senkrecht aufsteigenden Felsen.

Dämliches Moped. Keinen Bock mehr.

Ich bin von der Taille abwärts völlig taub. Meine Reisebegleitung Tomas ist sich sicher, er wird nie im Leben Kinder zeugen können. Während wir mit den Motorrädern über eine holprige Bergstraße hinunter zum Pier fahren, um mit einem Boot den Ma Pi Leng Canyon zu besichtigen, fühle ich jedes Schlagloch im ganzen Körper. Und ich muss zugeben, dass mir die schöne Landschaft gerade herzlich egal ist.

Im Laufe des Tages stoppen wir noch am M Pass, fahren aber auch an vielen Stellen vorbei, ohne anzuhalten, die ich viel schöner gefunden hätte, um Fotos zu machen.

Der Weg zurück mit Stopp am Du Gia Wasserfall

Auch der letzte Tag besteht vornehmlich aus Fahren, es gibt nur einen nennenswerten Stopp am ehrlich schönen Du Gia Wasserfall. Aber auch dieser Zwischenhalt dauert kaum länger als 20 Minuten.

Den Rest der Zeit verbringe ich nur noch auf dem Motorrad mit kurzen Pausen, weil es mit dem Sitzen einfach wirklich nicht mehr geht. Und dabei ist es sicher nicht so, dass wir Europäer da überempfindlich wären, denn selbst der Easy Rider rutscht minutenweise von einer Backe auf die andere.

Fazit

Nach zusammengerechnet fast einem ganzen Tag auf dem Motorrad und mehr als 400 gefahrenen Kilometern muss ich mich leider ehrlich fragen, was ich eigentlich gesehen habe.

Ja, die Landschaft war schön und der Ma Pi Leng Pass und Canyon waren spektakulär, aber ob jemand dafür wirklich 4 Tage fahrend verbringen will, ist wohl am Ende Privatentscheidung. Natürlich sehen die Fotos jetzt beeindruckend aus, aber darauf sieht ja auch keiner die 400 Kilometer, die dafür zurückgelegt wurden.

Sicher hätte es Vorteile, die Tour in drei Tagen individuell zusammenzustellen, um jeder Zeit für das Panorama stoppen zu können, andererseits kennt der Easy Rider Abkürzungen, die Touristen sicher entgehen. Das absolute Highlight in Vietnam, so wie manche begeistert nach der Tour im Internet schrieben, war der Ha Giang Loop für mich nicht.

Lage

Praktische Links

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