Wenn jemandem langweilig ist, dann ruft er üblicherweise seine Freunde an oder schaut Netflix. In Russland läuft das etwas anders, zumindest, was eine bestimmte Gruppe junger Leute betrifft. Wenn ihnen langweilig ist, dann fahren sie nämlich oben auf Zügen mit, klettern ohne Sicherung auf die höchsten Gebäude der Stadt, um sich dort zu filmen oder sie gehen auf Dächern spazieren. Dass all diese Aktivitäten illegal sind, muss wohl nicht extra dazugesagt werden. Und eben so eine Rooftop-Tour habe ich in St. Petersburg ausprobiert.

Nächtliche Rooftop-Tour über die Dächer von St. Petersburg

Per WhatsApp erfahre ich den Treffpunkt und den Zeitpunkt, weiter werde ich noch angewiesen, bitte bequeme Schuhe ohne Absatz anzuziehen. Am Vorabend des Treffens bekomme ich jedoch eine Nachricht, dass die Tour am nächsten Vormittag abgesagt ist. Stattdessen könne ich aber in knapp einer Stunde dabei sein.

Nach meiner Bestätigung erreicht mich eine weitere Nachricht von Ilya, der mir den Standort schickt, wo ich mich gleich einfinden soll.

Am Ufer der Newa, unweit vom Nevsky Prospect, spricht mich schließlich ein junger Typ an – blond, braungebrannt, Typ selbstbewusster Skilehrer. „Rooftop-Tour?“ Ich nicke. Mit mir in der Gruppe sind noch ein russisches und ein deutsch-polnisches Pärchen.

Aus der Nachricht weiß ich zwar, dass unser Guide Ilya heißt, aber dieser hält sich gar nicht lange mit Vorstellungen oder Sicherheitsinstruktionen auf, sondern biegt gleich um die Häuserecke in den nächsten Innenhof.

Durch den Dachstuhl, durch die Dachluke

Ilya hat den Schlüssel für das Gebäude und wir fahren mit dem Aufzug in den fünften Stock. Von dort geht es weiter über eine Treppe in den Dachstuhl des Hauses. Holzpfade, Bauschutt, vergessene Schuhe und halbhohe Dachbalken, unter denen wir uns hindurchducken müssen.

Sein Hinweis, dass wir die Taschenlampen unserer Handys benutzen sollen, kommt für mich etwas spät, denn ich stehe bereits im Halbdunkeln und muss jetzt erst einmal danach kramen. Gebückt laufen wir in einer Reihe hinter Ilya her, halten uns an den hölzernen Dachpfeilern fest und ich bin mir sicher, dass ich mir heute Abend reichlich Splitter aus der Hand ziehen werde.

Eine kleine Stiege führt hinauf zu einer Dachluke, durch die wir uns quetschen müssen, was wiederum mit dem leuchtenden Handy in der Hand gar nicht so einfach ist. Das russische Pärchen geht vor, klettert schon hinauf bis zum Dachfirst.

Ich folge den beiden, werde aber von Ilya zurückgerufen, der jetzt schnell auf Englisch erklärt, dass wir bitte nur auf die mit schwarzen Matten versehenen Dachbleche treten sollen. Ich stehe übrigens schon auf einer der ungeschützen Dachplatten, die wir eigentlich nicht betreten sollen.

Über Kabel klettern bei 15 Prozent Neigung

Wir gehen nun parallel zum Dachfirst weiter, wobei ich etwas Mühe habe, bei den 15 Prozent Neigung meinen Schwerpunkt wiederzufinden. Etwas unsicher schiele ich zu der maximal kniehohen Belustrade am Rand des Dachs, die im Notfall meinen Sturz in die Tiefe auffangen soll.

Im Dunkeln steigen wir über schräg gespannte Kabel und tauchen unter Leitungen durch. Bei einer kurzen Pause habe ich endlich Gelegenheit, mir die Aussicht auf die Newa und die Lichter der Stadt anzusehen – und sie ist wirklich fantastisch.

Instatipp: Wer sich geschickt positioniert, kann sich auch auf ein kleines Vordach setzen, sodass es zwar beeindruckend aussieht, der Abstand zum Boden aber nur wenige Zentimeter beträgt. Im Hintergrund funkeln die Lichter von St. Petersburg.

In der Ferne sind die Blutskirche und die Türme der Peter-und-Paul-Festung zu sehen, während der Feierabendverkehr unter uns hindurchrast und seinen Lärm aufs Dach hinaufschickt. Auf meine Nachfrage erklärt Ilya, dass wir uns gerade auf dem siebten Stockwerk über dem Boden befinden und fragt ob meiner Reaktion beinahe enttäuscht nach, ob ich nicht beeindruckt bin.

Rostige Sprossen hinauf und wieder hinunter

Auf dem Weg weiter über das Dach erklärt Ilya einiges zu den Sehenswürdigkeiten, die vom Dach aus zu erkennen sind. Wir erreichen eine Sprossenleiter, die an der Wand befestigt ist und ein paar Meter hinauf auf einen Turm führt. Ilya geht vor und die Gruppe folgt vorsichtig.

Oben angekommen folgen weitere Erklärungen zur Geschichte der Stadt. Allerdings habe ich Mühe, den Ausführungen zu folgen, denn er rasselt die Ausführungen schnell und mit starkem Akzent herunter.

Außerdem erklärt Ilya mir, auf meine Nachfrage hin, dass ALLTHEROOFS, die die Tour anbieten, bereits seit sechs Jahren bestehen. Ilya selbst ist in der zweiten Saison dabei. Er gibt zu, dass es ihm aber weniger um das Laufen auf dem Dach geht als um die Möglichkeit, Englisch zu üben.

Auf meine Frage, ob die Touren legal seien, lautet die Antwort ganz klar Nein, aber es habe noch nie Probleme mit der Polizei gegeben. Die Schlüssel habe er, weil sie jemanden aus dem Gebäude kennen. Es gäbe eine Vereinbarung, dass die Touren toleriert werden würden, solange nicht zu viel Lärm entsteht und die Guide das Dach in ordentlichem Zustand halten.

Wie sicher ist diese Rooftop-Tour?

Wir schaffen es ohne Verletzungen den selben Weg wieder zurück und ich frage Stefan und Margaret, das deutsch-polnische Paar, nach ihren bisherigen Eindrücken. Stefan fühlt sich sicher, Margaret jedoch nicht. Sie erzählt mir von anderen geführten Touren, die sie bisher in Moskau besucht hätten, und dabei hätte sich der Guide wenigstens Zeit genommen, Instruktionen zu geben, wenn nötig.

Auf unserem Weg zurück über das Dach geht Margaret tiefgebückt und klammert sich an die Hand ihres Freundes. Sie freut sich sichtlich darauf, wieder von dem Dach runterzukommen. Ich habe mich mittlerweile an die Neigung gewöhnt und gehe aufrecht über das Dach, was das Gleichgewicht auch viel einfacher macht.

Fazit

Adrenalinjunkies, Waghalsige und Schwindelfreie können die Tour natürlich in Erwägung ziehen. Sicherheitsfanatiker und Menschen mit Unsicherheiten in großen Höhen sollten diese Tour aber lieber nicht mitmachen. Auch wenn wohl auf dem Dach zu keiner Zeit wirklich eine Gefahr bestanden hat, so wollte sich doch ein echtes Sicherheitsgefühl nicht einstellen.

Die Beruhigung durch den Guide, dass alles in Ordnung ist und dass er die Lage absolut im Griff hat, fehlte leider und nervösere Menschen könnten sich selbst überlassen fühlen.

Die Qualität der Führung war eher mäßig, auch wenn die Tour mit 1.250 Rubeln für knapp 45 Minuten nicht teuer und die Aussicht bei Nacht wirklich wunderschön ist.

Lage

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