Der Steinbock dreht den Kopf und schaut mich frontal an. Genüsslich kaut er weiter. Seelenruhig. Unsere Anwesenheit scheint ihn nicht im geringsten zu stören. Und trotzdem erscheint er durch das Fernrohr zum Anfassen nah. Er sollte nicht das einzige Tier sein, das wir bei unserer Wildtier-Beobachtung im Schweizerischen Nationalpark im Engadin vor die Linse bekommen.

Lohnt sich ein Besuch im Schweizerischen Nationalpark?

Der Schweizerische Nationalpark gehört zu den am besten geschützten Gebieten der Alpen. So wird die Natur sich selbst überlassen, um zu schauen, wie sie sich ohne menschliche Eingriffe und Bewirtschaftung entwickelt. Ganz ausgeschlossen werden Wanderer aber doch nicht. Die 170 km² große Parkfläche kann auf den 21 Wanderwegen, die insgesamt 100 Kilometer lang sind, erkundet werden.

Allerdings gilt ein strenges Wegegebot. Die markierten Pfade zu verlassen ist genauso wenig gestattet, wie Pflanzen mitzunehmen, mit dem Rad durch die Gegend zu fahren, Lagerfeuer zu machen und wild zu campen. Im Winter ist der Nationalpark sogar vollständig geschlossen.

In einer zweitägigen Tour ging es für uns tiefer in das Schutzgebiet hinein. Übernachtet haben wir auf der Chamanna Cluozza, der einzigen Hütte im Nationalpark, die nur zu Fuß erreichbar ist. Am nächsten Tag ging es ca. 600 Höhenmeter bergauf zum Murtersattel. Und spätestens dort solltet ihr die ersten Murmeltiere und andere Wildtiere zusehen bekommen.

Instatipp: Durch die Kombination aus Fernrohr und Handy entstehen Bilder, die aussehen, als hätte man sie mit einem super starken Teleobjektiv aufgenommen. Es dauert ein bisschen, den richtigen Winkel zu finden, aber es lohnt sich.

Anreise nach Zernez in Graubünden

Länge:16 km
Gehzeit:7,5 Std.
Höhenmeter:1.539 m
Höchster Punkt:2.545 m
Beste Jahreszeit:Juni bis September

Los geht’s in Zernez, im Südosten der Schweiz. Von München kommend benötigt ihr mit dem Auto knapp vier Stunden. Die schnellste Route führt bei Garmisch-Partenkirchen über die Grenze und quer durch Österreich hindurch, an Serfaus vorbei, und dann in die Schweiz hinein. Denkt daran, dass ihr für die Fahrt sowohl die Schweizer Jahresvignette als auch eine Vignette für den entsprechenden Zeitraum in Österreich benötigt.

Geparkt haben wir kostenlos am Ende von Zernez. Über eine hölzerne, überdachte Brücke geht es zu Fuß von dort in den Nationalpark hinein. Auf dem Parkplatz könnt ihr das Auto auch über Nacht stehen lassen.

Vorbereitung und Ausrüstung

Noch bevor wir starten, halten wir am Nationalparkzentrum in Zernez und leihen uns dort vor Ort zwei Ferngläser aus. Damit ist die Wahrscheinlichkeit, Tiere sehr nah zu sehen, viel höher.

Ansonsten bin ich für den zweitägigen Aufenthalt im Nationalpark mit einem 35-Liter Rucksack gut gerüstet. Darin befindet sich ein Hüttenschlafsack und ein kleines Handtuch für die Hüttenübernachtung. Den Schlafplatz auf der Chamanna Cluozza solltet ihr am besten rechtzeitig telefonisch reservieren. Denkt auch daran, Bargeld einzupacken, denn auf der Hütte könnt ihr nicht mit Karte zahlen. Und da wir uns in der Schweiz befinden, solltet ihr Schweizer Franken dabei haben.

Die Waschräume und Toiletten der Hütte sind übrigens draußen. In der Nacht ist es stockfinster und ihr müsst über eine natürliche Treppe zu den Toiletten absteigen. Nehmt also auch ein Stirnlampe mit.

Ansonsten hab ich für die Tour einen warmen Pullover, eine Regenjacke und sogar dünne Handschuhe und ein Stirnband eingepackt. Wenn ihr morgens startet, ihr im Wald unterwegs seid oder der Himmel bewölkt ist, seid ihr froh über ein paar wärmere Sachen. Auch ausreichend Wasser, Snacks, Sonnencreme, Sonnenbrille, Blasenpflaster und Erste-Hilfe-Set gehören in den Rucksack. Bei Bedarf stellen euch die Hüttenwirte übrigens ein Lunch-Paket zusammen.

Durch den Märchenwald zur Hütte

Bis zur Hütte geht es fast stetig durch dichten Wald. Die Bäume sind knorzig, ineinaner verworren und wild verwachsen. Ich fühle mich, als laufe ich durch einen Märchenwald. Dieses Bild wird durch die schillernden Sonnenstrahlen verstärkt, die sich ihren Weg durch die Baumwipfel bahnen, Muster auf den Boden werfen oder glitzernd in der Luft stehen bleiben.

In der Ferne hämmert ein Specht. Ein Dreizehenspecht, wie ich später herausfinden werde. Gleichmäßig klopft der schwarz-weiße Vogel mit der gelben Haube einen Stamm nach Futter ab. Bis auf die Tiergeräusche ist hier nichts mehr zu hören. Kein Auto. Kein Gerede. Kein Flugzeug.

Ich fühle mich in dieser natürlichen Ruhe sehr geborgen. Es tut mir gut und dadurch fällt es mir leicht, die Umgebung noch mehr mit meinen Sinnen wahrzunehmen. Ich spüre leichte Regentropfen auf der Haut, atme den Geruch des Waldes ein und genieße die dreieinhalb Stunden Gehzeit bis zur gemütlichen Hütte.

Aufgewacht im Nebelmeer

Am nächsten Morgen hängen dichte Nebelschwaden zwischen den Baumstämmen. Die Luft ist noch frisch. So schlinge ich fröstelnd meine Arme um den eigenen Oberkörper und folge dem schmalen Pfad bergauf in Richtung Murtersattel auf 2.545 m Höhe. Und während ich mich warmlaufe, kommt ein bisschen Enttäuschung in mir auf. In dem Nebel werden wir wohl niemals Tiere sehen.

In einer Kurve zieht ein leuchtend weißes Objekt meine Aufmerksamkeit an. Bei näherer Betrachtung stellt sich heraus, dass das der Schädel einer Gams sein muss. Dicke Hörner kommen aus dem weißen Knochenbau hervor. Das ist nicht die Art der Tiere, die ich sehen wollte, aber es passt zur düsteren Nebelstimmung des Tages. Das, was ich am Vortag noch als Märchenwald wahrgenommen habe, gleicht nun eher einem Gruselwald.

Ich verfolge den Gedanken in meinem Kopf ein bisschen, bis wir ein Geräusch wahrnehmen. Die Baumgrenze haben wir hinter uns gelassen. Den Nebel noch nicht. Und irgendwo da vor uns hat sich etwas bewegt. Ein Hirsch? Ein Reh? Eine Gams? Erwartungsvoll blicke ich in die graue Suppe vor mir. Dann sehe ich etwas. Da! Wenige Meter unter uns ist eindeutig ein Schemen zu erkennen. Es hat Hörner.

Wir stehen uns gegenüber. Minutenlang. Ich versuche ruhig zu sein, mich nicht zu bewegen. Gleichzeitig wird es über mir wärmer. Die Sonne bahnt sich ihren Weg durch die Wolken und vertreibt den Nebel in Richtung Tal. Dann werde ich endlich sehen, welches Tier wir entdeckt haben.

Doch sobald sich der Nebel endgültig bergab verzogen hat, bleibt nur ein kahler Baumstumpf zurück. Zwei Zweige ragen wir Hörner in die Luft. Ein bisschen lächerlich fühle ich mich nun schon.

Zwischen Steinböcken, Gämsen und Bartgeiern

Weiter oben am Murtersattel treffen wir auf Nationalpark-Ranger Hans. Er hat vor sich ein Fernrohr aufgebaut und wir dürfen hindurchschauen. Dahinter grast in aller Seelenruhe ein Steinbock. Mein Herz macht einen Satz. Mit bloßem Auge kann ich ihn kaum erkennen. Aber durch das Fernrohr wirkt er so nah, dass man das Gefühl hat, ihn beinahe streicheln zu können.

Es stellt sich heraus, dass Hans genau weiß, worauf er achten muss. Er zeigt uns einen Steinbock nach dem anderen, holt mit seinem Fernroh ein Rudel Gämsen ganz nah heran und findet sogar Rotwild. Drei männliche Hirsche stehen noch dicht beieinander. Das wird so nicht mehr lange zu sehen sein. Denn sobald die Brunftzeit beginnt, beginnt auch der Rivalitätskampf zwischen den männlichen Tieren. Auf der anderen Seite blicken wir auf Hirschkühe mit ihrem Nachwuchs. Und wir sehen natürlich auch Murmeltiere.

Eines stößt einen Pfiff aus. Das Zeichen für „Alarm“. Sofort richtet Hans den Blick gen Himmel. Denn ein Pfiff bedeutet, dass die Murmeltiere schnell nach Zuflucht suchen müssen. Es bedeutet, dass Gefahr aus der Luft im Anflug ist. Ich folge dem Blick des Parkwärters und wir sehen einen Bartgeier samt seinem Nachwuchs mit mächtigen Schwingen am Himmel gleiten. Er schwebt ganz nah über unsere Köpfe hinweg und sucht nach Futter. Übrigens stehen Murmeltiere nicht auf seinem Speiseplan. Zumindest nicht lebend. Der Bartgeier ernährt sich von Knochen, die er im Ganzen herunterschluckt.

Fazit

Ich war am Anfang skeptisch, ob wir überhaupt Tiere sehen werden. Aber völlig zu unrecht. An allen Ecken gab es etwas zu beobachten. Dank der Begleitung des Rangers gab es dazu jeweils noch spannende Infos und Fakten. Es war ein Tag, wie ich ihn so schnell nicht vergessen werde. Es war einfach beeindruckend, wie nah all die Tiere gewirkt haben und wie sie kaum scheu sind, weil sie wissen, dass sie nicht gejagt werden.

Übrigens könnt ihr mit etwas Glück sogar auf Bären, Luchse oder Wölfe treffen. Auch die werden immer wieder im Schweizerischen Nationalpark gesichtet. Wenn ihr euch also für Tierbeobachtung interessiert und ihr gleichzeitig ab vom Schuss quer durch die Natur wandern wollt, dann lohnt sich der Besuch des Schweizerischen Nationalparks definitiv.

Lage

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