Slumtourismus boomt. Besonders in Südafrika und in Brasilien ist es mittlerweile ein sehr zweifelhafter Trend geworden, Townships und Favelas zu Fuß oder per Fahrrad zu besuchen. Manche halten solche Touren für Entwicklungshilfe, andere für Armutspornografie. Was steckt dahinter? Darf man an einer Slum-Tour überhaupt teilnehmen? Ich erkläre euch, was Touristen beachten müssen, wenn sie ein Armutsviertel besuchen.

Ist Slumtourismus wirklich nötig?

Nach Angaben von Amnesty International leben weltweit eine Milliarde Menschen in Slums. Das ist jede siebte Person. Der größte Slum der Welt ist das Armutsviertel Dharavi im indischen Mumbai. Das Viertel war im Film Slumdog Millionaire zu sehen. Hier kämpfen rund 600.000 Menschen täglich ums Überleben. Berühmt und berüchtigt für ihre Armenviertel, genannt Favelas, ist auch Rio de Janeiro. Zu finden sind die Slums meist in den großen Städten der ‚Dritten Welt‘, aber auch in den USA und selbst in Madrid in Spanien sind Armenviertel entstanden. Die Karte unten zeigt die größten Slums der Welt.

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Instatipp: Im Slum solltet ihr vorsichtig sein, Bilder zu schießen. Nie ohne Erlaubnis Personen fotografieren. Außerdem solltet ihr euch fragen, ob Fotos überhaupt notwendig sind. Schließlich wollt ihr ja nicht auf Menschen-Safari gehen.

Tipp 1: Gewinnverteilung prüfen

Das große Interesse am Slumtourismus treibt vor Ort die Preise hoch, denn lokalen Anbietern ist klar, dass Reisende sich kaum allein in die berüchtigen Armutsviertel trauen werden – und das Geschäft mit dem Sicherheitsgefühl hat eben seinen Preis. Von dem Geld, das oft als Entwicklungshilfe verkauft wird, sieht die lokale Bevölkerung der Slums aber oft nur einen geringen Anteil – wenn überhaupt. Deswegen unbedingt vor Ort lokale und eher kleine Anbieter buchen, die glaubwürdig versichern können, dass die Bevölkerung in den Vierteln unterstützt wird. Wobei ihr davon ausgehen könnt, dass euch das wahrscheinlich jeder Anbieter erzählen wird.

Tipp 2: Auf das eigene Bauchgefühl hören

„Der Aspekt der Hilfe wird von Touranbietern und Touristen häufig als Rechtfertigung angeführt, um ethischen Zweifeln zu begegnen“, erklärte der Slumtourismusforscher Malte Steinbrink der Universität Osnabrück in einem Interview. Also, worum geht es hier eigentlich? Diese Frage sollten sich Reisende ganz ehrlich stellen. Ist das eigene Motiv wirklich, sich zu informieren und Armut zu bekämpfen oder geht es insgeheim um Instagram-Posts und den Wunsch, daheim davon erzählen zu können, dass man sich in die gefährlichen Townships gewagt hat. Wenn die Antwort das zweite ist, dann bitte lieber noch einmal nachdenken, ob das wirklich die richtige Entscheidung ist.

Tipp 3: NGOs suchen

Untersuchungen haben gezeigt, dass der Slumtourismus der Mehrheit der lokalen Bevölkerung der Armenviertel egal ist. Das zeigt möglicherweise schon, wie stark die Berührungspunkte bei solchen Touren also sind. Wer beispielsweise mit einem Fahrrad oder einem Auto ein Township besucht, kommt kaum mit der lokalen Bevölkerung in Kontakt. Und auch Hausbesuche sind oftmals inszeniert. Sinnvoller ist es da, für diejenigen, die wirklich etwas verstehen und ihren Horizont erweitern möchten, sich NGOs zu suchen, die mit der Bevölkerung der Slums arbeiten und nachhaltig wirtschaften.

Tipp 4: Mehr Zeit investieren

Es ist fragwürdig, wie viel man wirklich innerhalb von ein paar Stunden verstehen kann, wenn ein Slum so riesig und viefältig ist. Deswegen werden beispielsweise in Südafrika auch Touren angeboten, die 24 Stunden dauern können. So wird der Einblick zumindest etwas vielfältiger und Reisende bekommen nicht nur eine Momentaufnahme. Eine Möglichkeit ist auch ein individueller Reiseführer, der zum Beispiel über die Webseite ‚Get your Guide‘ gefunden werden kann. Mit diesem können Reisende die Tour bis zu einem gewissen Grad mitbestimmen und ansprechen, was ihnen wichtig ist.

Tipp 5: Sind Fotos okay?

Oft steht der Begriff Slumtourismus in Zusammenhang mit Begriffen wie Voyeurismus oder Menschen-Safari. Dies ist sicher darin begründet, dass viele Touristen schnell (oft auch ungefragt) Fotos von den Bewohnern machen und anschließend wieder verschwinden. Deswegen sollte sich jeder vor der Tour einfach einmal fragen, wie man das selber fände, wenn plötzlich jemand vor der eigenen Wohnung stünde und Fotos machen würde. Diese Denkweise kann sicher allgemein hilfreich sein, um moralisch die richtige Entscheidung, ob Fotografieren okay ist, zu treffen.

Lage

Praktische Links

Gut zu wissen

Wie sind die Slums eigentlich entstanden? Im 19. Jahrhundert stand der Begriff für Wohnungen mit niedrigem Standard. Gemeint waren die Unterkünfte von Arbeitern in der Nähe von Fabriken. Heute sind damit ganze Siedlungen gemeint, die durch den Wegzug vom Land in die Ballungsräume entstanden sind. Die Menschen erwarten sich in den Städten bessere Lebensbedingungen. Durch den Wohnraummangel bilden sich vermehrt informelle Siedlungen. In diesen herrscht oft eine hohe Armuts- und Arbeitslosenquote. Soziale Probleme wie Kriminalität, Drogenmissbrauch und eine schlechte Infrastruktur kennzeichnen die Armenviertel.

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